Springe zum Inhalt

Hl. Jutta von Sangerhausen

Was verbindet uns mit einer weitgehend unbekannten Frau aus dem 13. Jahrhundert?

Heilige Jutta; Fensterbild in der Herz-Jesu-Kirche in Sangerhausen

Auch aus Sangerhausen ist eine Heilige hervorgegangen, Jutta von Sangerhausen. Heilige sind zunächst einmal normale Menschen mit Fehlern und Schwächen, die aber in irgendeiner Hinsicht für uns Vorbild sein können, weil sie „die Kurve gekriegt haben“ hin zu einem Leben in einer besonders intensiven Gottesbeziehung oder hin zu anderen Menschen, die ihrer bedürfen. Insofern gibt es sehr viele heiligmäßige Menschen, nicht nur die im Heiligenkalender.

In dieser Hinsicht ist die hl. Jutta in der Zeit der Corona-Pandemie eine sehr aktuelle Heilige, denn sie hat - wie viele Menschen es gerade tun müssen - ohne viel Aufhebens, aber mit vollem Einsatz Kranke gepflegt. Dies war im Mittelalter schwieriger als heute, da man auf eigene Kosten Verpflegung und Heilmittel besorgen und mit höherer persönlicher Gefahr der Ansteckung rechnen mußte.

Über ihr Leben wissen wir wenig, und viele der bekannten Details sind nach wie vor rätselhaft. Auf jeden Fall war ihr Leben ereignisreich, ja sogar spannend, und es zeigt uns eine Frau, die aus tiefster christlicher Überzeugung heraus den bedürftigsten Menschen ihrer Stadt beistand, ob in Sangerhausen oder im Missionsgebiet an der Weichsel.

Juttas erste Lebensphase: Sangerhausen

Für Sangerhausen ist aus dem 13. Jahrhundert wenig überliefert und dies trifft leider auch auf die hl. Jutta zu. Es gibt keine schriftlichen Belege für ihr Wirken aus ihrer Sangerhäuser Zeit. Wir kennen nicht einmal ihr Geburtsjahr (wohl zwischen 1200 und 1220) oder ihre Herkunft, ihren Mann, der ein Herr von Sangerhausen gewesen sein könnte, oder die Zahl ihrer Kinder. Man nimmt an, daß sie, früh verwitwet, ihr Leben dem Dienst an den kranken Menschen widmete, nachdem sie das vermutlich eher bescheidene Erbe an ihre Kinder verteilte hatte.
Darin folgte sie einer sich damals schnell ausbreitenden religiösen Bewegung, die in Armut und Hingabe auf individuelle Art die Nachfolge Jesu verwirklichen wollte.

Das einzige zeitgenössische Zeugnis: Sweste Jutte von Sangerhusen

Nur eine einzige Erwähnung bestätigt uns, daß Jutta überhaupt existierte. Sie findet sich bei keiner geringeren als bei der großen Mystikerin Mechthild von Magdeburg, die als Begine dort und später im Kloster Helfta lebte. In ihrem visionären Hauptwerk „Das Fließende Licht der Gottheit“, das etwa ab 1250 entstand, heißt es im 5. Buch (in hochdeutscher Übertragung):
Weiter sprach unser Herr: „Schwester Jutta von Sangerhausen sandte ich zu den Heiden als Botin mit ihrem heiligen Gebet und ihrem guten Vorbild.“

Diese wenigen Worte sagen uns eine Menge über Jutta. Sie war offensichtlich schon zu Lebzeiten über ihre mitteldeutsche Heimat hinaus bekannt als eine gottesfürchtige, selbstlose Frau mit einem vorbildhaften, christlichen Lebenswandel. Mechthild zählt sie im vorausgehenden Textabschnitt sogar zu den fünf neuen Heiligen, zusammen mit Elisabeth von Thüringen (1207-1231) und Franz von Assisi (1182-1226).

Weiter sprach unser Herr: „Schwester Jutta von Sangerhausen sandte ich zu den Heiden als Botin mit ihrem heiligen Gebet und ihrem guten Vorbild.“

Mechthild von Magdeburg, Das Fließende Licht der Gottheit

Juttas zweite Lebensphase: Deutschordensland

Zugleich erfährt man, daß Jutta bereits als Gottesbotin „zu den Heiden“ unterwegs war, also zu den letzten heidnischen, von Pruzzen und anderen westbaltischen Stämmen bewohnten Gebieten jenseits von Weichsel und Memel, die der Deutsche Orden seit etwa zwei Jahrzehnten zu erobern versuchte. Warum sie ihre Heimat verließ, um in das ca. 800 km entfernte, umkämpfte Deutschordensland zu ziehen, ist bis heute rätselhaft.

Wahrscheinlich hat dabei der 1256 gewählte Hochmeister Anno von Sangerhausen eine Rolle gespielt. Möglicherweise war er ein Verwandter (wobei "von Sangerhausen" dann als ein sonst nirgends erwähntes Adelsgeschlecht zu verstehen wäre und nicht als reine Herkunftsbezeichnung), der sich um die Witwe sorgte, oder er sah die Chance, dem noch jungen Christentum seines Landes durch das leuchtende Vorbild Juttas zusätzlichen Aufschwung zu verleihen.


Auf dem Rückweg von seiner Wahl in Frankfurt /M. könnte er sie in sicherer Begleitung selbst nach Preußen mitgenommen haben, so daß Jutta noch im selben Jahr dort angekommen wäre. Als gesichert gilt, daß sie irgendwann in Kulmsee (heute Chelmza), dem Sitz des Domkapitels, eintraf und dort zunächst blieb, sich aber bald als Eremitin in eine nahe gelegene Einöde bei dem heutigen Ort Bielczyny zurückzog.

Gescheiterte Heiligsprechung

Jutta blieben nur wenige Jahre im Preußenland, aber sie macht es uns nicht leichter, genaueres über sie zu erfahren. Der erste Bischof der Diözese Kulm, der Dominikaner Heidenreich (1245-63), verfaßte zwar nach Juttas Tod eine Urkunde über ihr selbstloses Leben, doch leider ist sie ebensowenig wenig überliefert wie ihr genaues Todesdatum. Erst in der knapp 300 Jahre später entstandenen Preußischen Chronik des Dominikaners Simon Grunau (+1531), dem dieses Dokument vielleicht noch vorlag, wird als Todesjahr 1260 angegeben. Die Forschung hat diese Angabe bisher übernommen.


Der 5. Mai als Todestag wird erst weitere 100 Jahre später in einer polnischen Vita ohne näheren Beleg genannt, hat sich seitdem aber etabliert.
Nachdem Jutta gestorben war, so berichten die Quellen übereinstimmend, wurde sie im Dom zu Kulmsee beigesetzt. Ihre Grabstätte konnte trotz intensiver archäologischer Untersuchungen bis heute nicht gefunden werden.


Nach ihrem Tod ließen die Kulmer Bischöfe umgehend Materialien zu ihrer Heiligsprechung sammeln und 1275 an den Vatikan übersenden. Leider gingen alle Unterlagen verloren, so daß die Kanonisierung in Rom nicht stattfand. Der Bischof von Kulm hat jedoch – wahrscheinlich noch vor 1300 – Jutta zur Seligen erhoben, um die liturgische Verehrung formal zu begründen. Damit gilt sie zwar nicht in der Weltkirche, aber in den Bistümern ihrer Wirkungsstätten als Heilige - zumal man damals im lateinischen Sprach-gebrauch nicht so streng unterschieden hat zwischen beatus (selig) und sanctus (heilig).

Späte Verehrung in Polen...

Erst im 17. Jahrhundert wurde die hl. Jutta im Zuge der Gegenreformation wieder-entdeckt. Durch ein Dekret vom 15. April 1637 erneuerte Bischof Jan Lipski von Kulm und Pomesanien ihre Verehrung und ließ im selben Jahr ein Sanktuarium in Bielczyny errichten, wodurch Kulmsee zeitweise zum Wallfahrtsort wurde. Die spärliche historische Überlieferung zu ihrem schon 400 Jahre zurückliegenden Wirken begünstigte eine umso größere Legendenbildung, die sich in mehreren Schriften des 17. bis 20. Jahrhunderts niederschlug.


Heute ist die hl. Jutta Mitpatronin des 1992 neu gegründeten Bistums Torun (Thorn), zu dem Kulmsee gehört. Im Ort selbst findet alljährlich am Sonntag nach dem 5. Mai eine Wallfahrtsprozession von Kulmsee nach Bielczyny statt. In der dort 1937 errichteten Kapelle (1982 stark erweitert) befindet sich das Original des Jutta-Gemäldes der Herz-Jesu-Kirche in Sangerhausen.

...und in Sangerhausen

In ihrer Heimat publizierte eine erste Biographie über Jutta der Frühaufklärer und Direktor der Sangerhäuser Stadtschule Christian Gottlob Kändler im 18. Jahrhun-dert. Wahrscheinlich seit den 1980er Jahren kam durch Pfarrer Theodor Denis ihre Verehrung als Ortsheilige stärker in den Blick der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde. Seit etwa 2006 werden in der Stadt jedes Jahr um den 5. Mai herum die ökumenischen Juttatage mit zahlreichen Veranstaltungen begangen.


Infolge der Sanierung der Herz-Jesu Kirche 2007/08 wurde die Taufkapelle zur Jutta-Kapelle umgestaltet. Schließlich wählte die vergrößerte kath. Pfarrei die heilige Jutta als ihre Patronin und nennt sich seit dem 2. Mai 2010 offiziell Pfarrei St. Jutta.

Mit der Sonne in der Hand

Das Attribut der hl. Jutta in der bildlichen Darstellung geht auf die bekannteste der vielen Legenden zurück, die seit dem 17. Jahrhundert aufgezeichnet wurden. Sie erzählt von einem Krankenbesuch, zu dem Jutta und ihre Gefährtinnen am späten Abend gerufen wurden. Auf dem Weg dorthin verirrten sie sich in der herein-brechenden Dunkelheit und befürchteten, verloren zu gehen. Jutta aber bewirkte durch ihr Gebet, daß die Sonne noch einmal aufging und solange schien, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Dann ging die Sonne wieder unter.
Daher wird Jutta immer mit einer Sonne in ihrer Hand dargestellt als eine Heilige, die für andere eine Sonne war und uns auch heute noch als ein Vorbild leuchten kann. AW

Quellen:

P. Gerlinghoff (Hg.), unter Mitwirkung von I. Gerlinghoff, U. Höroldt, B. Lubos-Kroll, Quellen zum Leben und zur frühen Verehrung der heiligen Jutta von Sangerhausen, Sangerhausen 2006

M. Langer, Die katholische Pfarrkirche Herz-Jesu Sangerhausen, Regensburg 2019